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Entfremdung
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| Er stirbt. Seit Tagen schon stirbt er, aber er will es eigentlich nicht
und das ist sein Problem. Würde er es wollen, wäre es ein schneller
und schmerzloser Tod geworden aber so. So siecht er dahin und der Tod muss
jeden Zentimeter erkämpfen, denn er wehrt sich stur gegen den Eindringling.
Stur kämpft er um jeden Zentimeter, denn er will leben, einfach nur
leben. Er hatte den Krieg überstanden, diesen verabscheuungswürdigen Krieg, diesen Krieg, der aus Menschen Bestien gemacht hat, wilde Tiere, die über einander herfielen. Ja, er hatte ihn überstanden – ohne an ihm zu zerbrechen und darum will er leben. Er will leben, obwohl er ihn gesehen hat, all dieses Grauen, die toten Gesichter, die flehenden Blicke und fliehenden Massen. Massen, die vor dem Tod davonliefen, die flohen, nicht, weil sie noch an das Leben glaubten, an die Menschen oder eine glückliche Zukunft – denn wie sollte es nach diesen Ereignissen noch eine Zukunft geben? – sondern, weil alles was ihnen geblieben ist in diesem Krieg, das Tier war, die Angst vor dem Nichts, die sie antrieb. Auch ihm war es auch so ergangen, ganz am Anfang, als die ersten Bomben und Granaten neben ihm einschlugen – ohrenbetäubender Lärm, Schwindel, zerberstende Körper, Übelkeit, Grauen, überall Grauen und Tod. Er sah, sah tief hinein und erkannte, den Tod und das Leben – sie waren im Grunde genommen dasselbe. In jenem Moment verschwammen sie zu einem großen Ganzen, beides erwünscht, verachtenswert, pervers. Danach war er nicht mehr derselbe. Er war dem Abgrund begegnet, jenem Prinzip, das am Anfang aller Dinge steht und an seinem Ende, der Absurdität des In-der-Welt-Seins. Und er hatte den wahren Feind gefunden, den es zu bekämpfen galt. Er stirbt. Seit Tagen schon stirbt er, aber er will es eigentlich nicht und das ist sein Problem. Sein Kampf ist aussichtslos, absurd wie dieses Leben und doch ist die Revolte das einzige, das ihm noch bleibt. Er steht allein diesem unüberwindbaren Feind gegenüber, ohne Hoffnung aber auch ohne Furcht, denn er hat nichts zu verlieren. Vielmehr hat er schon gewonnen und der Gedanke daran beschert ihm ein Lächeln.
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| Mai 2007 |
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